Film- und Videoclub Rüsselsheim e.V.

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Über die Bildfolgen

von Gerhard Steiner


Unser Hobby ist sehr vielseitig und stellt deshalb an den Filmer auch vielseitige Anforderungen. Es nutzt uns wenig, wenn wir "alles" über die Bildgestaltung oder den richtigen Umgang mit der Kamera gelernt haben, aber bei der Aufnahme der Bildfolgen nicht recht wissen, worauf es ankommt. Deshalb widmen wir uns hier noch einmal der Aufnahmemethodik und der Bildfolgegestaltung.

Abschnitt 1

Alle 5 bis 7 Sekunden ein anderes Bild
Film ist Abwechslung, Film braucht Abwechslung. Das ist das allererste, allerwichtigste Prinzip. Die Abwechslung erfordert, dass wir möglichst alle 5 bis 7 Sekunden ein neues Bild bieten müssen. Ein neues Bild heißt entweder vom gleichen Objekt einen neuen Bildausschnitt oder ein anderes Objekt aufzunehmen. Alle 5 bis 7 Sekunden !

Es ist auch wichtig, wie wir das Bild verändern, aber nicht ganz so wichtig wie die Tatsache, dass wir es überhaupt verändern. Wer das einmal verstanden hat, wird nie mehr seine Kamera auf einem Stativ aufbauen und mit unveränderter Einstellung des Bildausschnittes eine ganze Minute oder unsinnigerweise auch noch länger drauf halten. Ein guter Filmer sollte innerlich unruhig werden, wenn 7 Sekunden vergangen sind, denn spätestens dann ist eine neue Einstellung fällig. Es ist eben ganz wichtig: Alle 5 bis 7 Sekunden ein anderes Bild !!!

Nehmen wir z.B. die Aufnahme eines Gesangsstückes mit Orchesterbegleitung auf einer Bühne: Natürlich soll der Ton durchgehend sein. Natürlich soll die Kamera auf ein Stativ, um Wackeleien zu vermeiden. Natürlich muss die Kamera während der ganzen 3 1/2 Minuten des Musikstückes eingeschaltet bleiben. Aber niemand zwingt uns, den Ausschnitt unverändert zu lassen. Im Gegenteil, unsere Grundregel, siehe oben, macht es notwendig, dass wir immer wieder das Bild verändern. Dazu haben wir ein Zoom und dazu können wir mit einem guten Stativ butterweiche Schwenks machen. Mit dem Zoom können wir nach einer Totalen vom Gesangsstar mit ganzem Orchester auf den Sänger allein den Bildausschnitt verengen. Danach können wir den Kopf des Sängers formatfüllend aufnehmen. Mit einem Schwenk und Rückzoom können wir anschließend den Dirigenten oder einen anderen Musiker oder eine Musikergruppe wählen. Und danach kann es wieder eine Nahaufnahme sein. Das setzt natürlich einen aktiven Kameramann voraus, der ständig überlegt, was er als nächstes zeigt und wie er dazu den Bildausschnitt mit dem Zoom verengt oder weitet, bzw. wie er mit einem Schwenk ein anderes Objekt erfasst. Wichtig ist allein, dass er immer wieder und oft genug das Bild verändert.

Kein Filmer ist allerdings so gut, dass er 3 1/2 Minuten alle Zooms und Schwenks einwandfrei ohne Wackler und Patzer hinbekommt. Braucht er auch nicht ! Zwischenschnitte bzw. Inserts sind jetzt zusätzlich notwendig. Die nehmen wir im Anschluss an unser bereits aufgezeichnetes Musikstück auf: Es sind Einstellungen vom Publikum, von Notenständern, von Füßen, von Musikern auf der Bühne, die gerade inaktiv sind, sogar Ganz-Großaufnahmen von Musikinstrumenten, z.B. einer Trompete, einem Saxophon u.a..

Solche Inserts können wir während eines anderen Musikstückes aufnehmen und in aller Ruhe auswählen. Diese Inserts, diese Zwischenschnitte, wie immer wir sie auch nennen, sind ein „Muss“. Davon können wir nicht genug aufnehmen ! Diese Inserts legen wir beim Schnitt zuerst über die Stellen, wo wir gepatzt oder gewackelt haben, dann über die Zooms und Schwenks, wo das Bild noch sehr unruhig wirkt, und niemand zwingt uns, restlos alle gut gelungenen Zooms und Schwenks zu überdecken. Einige wenige können sehr wohl im Film bleiben. Am Schluss, wenn wir genug Inserts gesammelt hatten, bekommen wir einen Film, der bis auf die wenigen, sehr gelungenen Ausnahmen frei ist von Zooms und Schwenks, und bei dem doch dauernd das Bild mit harten Schnitten wechselt. Selbstverständlich haben wir die Tonteile von allen Inserts gelöscht, damit der durchgehende O-Ton der Hauptaufnahme nicht gestört wird.

An vielleicht der schwierigsten Aufgabe für einen Filmer, einem Musikstück durchgehend mit einer einzigen Kamera aufzunehmen, haben wir gesehen, dass es sehr wohl möglich ist, alle 5 bis 7 Sekunden ein anderes Bild zu bringen. Übrigens wäre jeder Zuschauer auch zufrieden, wenn er bei einem Musikstück nicht alle 5 sondern auch nur alle 10 Sekunden einen Bildwechsel zu sehen bekommt.

Nachdem nun hoffentlich die ärgsten Zweifel an der Realisierbarkeit unserer Hauptregel ausgeräumt sind, kommen wir zu einer notwendigen Relativierung der 5 bis 7 Sekunden: Natürlich wissen wir längst, dass eine Totale länger zu sehen sein muss als eine Halbnahaufnahme und eine solche länger als eine Nahaufnahme. Das hängt da-mit zusammen, dass in der Totalen mehr Einzelheiten erkannt werden müssen und der Zuschauer dazu mehr Zeit braucht. Es gibt die Faustregel, wonach Totalen 7 Sekunden, Halbnahaufnahmen 5 Sekunden, Nahaufnahmen 3 Sekunden und Ganz-Groß-Aufnahmen 2 Sekunden stehen sollten. Wenn also jemand, was sehr sinnvoll ist, viele Nahaufnahmen erfasst, dann braucht er nicht nur alle 5 Sekunden sondern alle 3 Sekunden ein neues Bild. Wie oft wir ein neues Bild in unserem fertigen Film bieten müssen, das hängt einzig und allein vom Bildausschnitt ab. Nach 2 Sekunden ist eine Ganz-Groß-Aufnahme zu Ende, dann brauchen wir ein neues Bild. Nach 3 Sekunden ist eine Nahaufnahme zu Ende, dann brauchen wir ein neues Bild.

Abschnitt 2

Wie viele Einstellungen werden gebraucht?
Kommen wir zu den grundlegenden Randbedingungen für unsere Aufnahmen und zu einer Alltags- oder Standardsituation für einen Filmer: Wir fahren z.B. nach Frankfurt zum Römerberg und dessen Umgebung und wollen in ein oder zwei Stunden Aufnahmen machen, aus denen wir einen kleinen Film ( 3 Minuten) schneiden wollen.

Drei Minuten sind 180 Sekunden. Nehmen wir eine mittlere Einstellungsdauer des fertigen Filmes von 5 Sekunden, dann brauchen wir für einen 3-Minuten-Film 36 Einstellungen. Weil wir aber zwischendrin beim Schnitt die eine oder andere Einstellung nicht verwenden können, weil sie nicht gelungen ist, nicht zum Ablauf passt oder aus welchem Grund auch immer, tun wir gut daran, nicht nur 36 Einstellungen aufzunehmen sondern doppelt soviel. Wenn wir nun vor Ort sind, unser Stativ aufbauen, überlegen, wo das schönste Motiv ist, dann in aller Akribie die Kamera ausrichten, justieren und endlich auch einmal auslösen, so dass wir nach einer halben Stunde die erste Einstellung im Kasten haben, dann werden wir unser Ziel nicht erreichen, dann bringen wir nach 2 Stunden zu wenig Material mit nach Hause.

Auch in der Urlaubssituation, wenn wir für ein paar Stunden an einen neuen Ort kommen, es uns dort gefällt, und wir auch filmisch davon etwas nach Hause bringen wollen, dann müssen wir dort mehr als ein oder zwei Einstellungen machen. Unser schöner, neuer Ort soll im späteren Film wenigstens 20 Sekunden, besser noch 40 Sekunden ausmachen. Für 40 Sekunden fertigen Film brauchen wir 40:5=8 passende Einstellungen, für die wir vor Ort besser 16 Einstellungen und mehr aufnehmen. Ich will damit nur sagen, dass es nicht damit getan ist, die Kamera auszupacken, umständlich und langwierig eine oder zwei Einstellungen zu machen und dann der Familie wieder hinterher zu laufen. In einem Buch von Helmut Lange habe ich einmal gelesen: "Wenn Sie nicht Zeit genug haben für mehr als eine Einstellung, dann lohnt es sich nicht, überhaupt die Kamera auszupacken". Wenn Sie 40 Sekunden in Ihrem Film von einem Ort berichten wollen, dann brauchen Sie eben entsprechend viele Einstellungen (ca. 40:5x2=16).

Standardmethode für Aufnahme einer Bildfolge
Was aber ist zu tun? In jeder Straße, auf jedem Platz, so natürlich auch am Frankfurter Römer, gibt es Motive in Hülle und Fülle. Wir brauchen nicht zu suchen nach einem besonderen, außergewöhnlichen, "goldenen" Motiv , das uns den Atem verschlägt, und das wir unter besonderen Lichtverhältnissen im idealen Moment aufnehmen wollen. Jede Häuserzeile, jedes schöne Haus, jeder Brunnen, jedes Denkmal, jede Kirche, jede Geschäftspassage, jedes Restaurant, jeder Passant, jede Menschengruppe, jedes Tier und was es auch immer an einem solchen Ort gibt, bietet uns reichlich Motive. Bevor wir vor lauter Unentschlossenheit gar nichts aufnehmen, widmen wir uns am besten dem ersten, schönen Haus vor uns und machen eine Einstellungsfolge aus

          Totale, Halbnah-, Nah- und mehreren Großaufnahmen.

Von einem einzigen Hauptmotiv, wie dem erwähnten schönen Haus, haben wir dann im Handumdrehen schon 5 und noch mehr Einstellungen, je nach dem, wie viel Einzelheiten wir am Haus herausgreifen und in Nahaufnahmen erfassen. Eine ähnliche Einstellungsfolge mit jeweils 5 bis 7 Einstellungen können wir von einer Restaurant-Fassade, von der Kirche, vom Römer und vom Brunnen vor dem Römer machen, und schon haben wir, ohne viel über besonders lohnenswerte Motive nachgedacht und wegen Unentschlossenheit auch nur eine Sekunde gezögert zu haben, bereits 25 Einstellungen im Kasten.

Es soll hier übrigens nicht der gedankenlosen, in der Eile schnuddeligen Filmerei die Stange gehalten werden. Es geht zunächst einmal nur um die Methodik, wie man gewissermaßen automatisch zu einer ganzen Reihe von ansehnlichen Aufnahmen kommt, die man für den Schnitt eines kleinen Filmes auch braucht. Niemand soll sagen müssen, er habe heute keine "Idee", was er aufnehmen soll. Auf dem Römerberg, auf jedem Marktplatz, auf jeder Strasse gibt es rundherum genug Objekte, von denen der Filmer die 4 bis 7 schönsten, interessantesten oder typischsten für den Ort zu nehmen braucht, um daraus jeweils eine Bildfolge von Totale bis zu mehreren Großaufnahmen zu machen. Das ist eine der Grundideen der Bildfolgegestaltung.


Abschnitt 3


Auf bewegte Objekte mit Vorrang konzentrieren
Ein anderes, sehr wichtiges Prinzip dürfen wir während der Aufnahmen nie außer Acht lassen: Film ist Bewegung, Film erfordert Bewegung. Mit den obigen Aufnahmen haben wir zwar einen wichtigen Grundstein für unser beabsichtigtes Filmchen gelegt, aber wenn bei den Aufnahmen nicht gerade eine Taube durchs Bild geflogen oder ein Passant vorbeigelaufen ist, dann haben wir nur leblose Standbilder eingefangen. Was uns jetzt vordringlich fehlt, sind Aufnahmen von bewegten Objekte, wie z.B. Menschen, Tiere, bewegte Fahrzeuge, Wasser, Brunnenwasser, Regentropfen, Zweige oder Gräser im Wind, bewegtes Laub usw.. Selbst Menschen auf einer Parkbank sind uns als „bewegte Objekte“ noch willkommen. Keiner davon sitzt so total leblos herum, dass er nicht doch ab und zu den Kopf, einen Arm oder ein Bein bewegt. Und meist sind wir als Filmer auch nicht allein unterwegs, haben entweder die Familie, Freunde oder wie in unserem Beispiel auf dem Römerberg unsere Clubkameraden dabei. Sie alle können, müssen uns als bewegte Objekte vor unserer Kamera herhalten.

Auf die bewegten Objekte sollten wir uns in jeder Aufnahmesituation zuallererst konzentrieren. Die leblosen Haus- oder Kirchenfassaden, die laufen uns als Objekte nicht weg. Unsere mitgebrachten Mitmenschen oder die zufälligen Passanten oder ein vorbeistreunender Hund, die bieten sich sehr oft als hervorragende, bewegte Motive an, nur müssen wir sie als Filmer auch wahrnehmen und mit unserer Kamera einfangen, bevor sie wieder verschwunden sind. Deshalb haben sie Vorrang.

Bildsprünge und wie wir sie vermeiden
Bei der Aufnahme bewegter Motive ergibt sich die eine oder andere zusätzliche Schwierigkeit. Nehmen wir z.B. eine langsam vorbeischlendernde Frau mit Kleinkind. Wir können sie so von vorn aufnehmen, dass sie auf die Kamera zu läuft. Länger als 5 Sekunden soll auch hier eine HN-Einstellung nicht sein. Die erste Aufnahme von Frau mit Kind besteht aus einer Einstellung, bei der die Frau in ihrer ganzen Körpergröße aufgenommen ist. Für die zweite Aufnahme wollen wir mit dem Zoom einen Ausschnitt vom Gürtel bis zum Haarscheitel einstellen. Während wir aber an der Kamera das Zoom verändert und die Entfernung neu justiert haben, hat sich die Frau mit dem Kind weiter auf die Kamera zu bewegt, und zu Beginn der neuen Einstellung befinden sich ihre Hände an einer anderen Stelle, als am Ende der vorausgehenden. Jeder Zuschauer empfindet solche Veränderungen zwischen zwei aufeinander folgenden Einstellungen vom gleichen Standort als Bildsprung. Einen Bildsprung gilt es unbedingt zu vermeiden. Dazu sollten wir uns zwischen den beiden Einstellungen mit unserer Kamera so zur Seite bewegen, dass die Frau aus deutlich anderem Blickwinkel erfasst wird. Verallgemeinert heißt das, dass wir bei bewegten Objekten zwischen zwei Einstellungen den Aufnahmestandort so verändern müssen, dass zwischen den zwei Blickwinkeln ein deutlicher Unterschied entsteht. Das bedeutet in der Regel eine Winkelveränderung von wenigstens 15 Grad. Über den Wert 15 Grad kann man sich streiten. Fest steht, dass der Bildsprung umso besser verdeckt wird, je mehr wir den Blickwinkel und damit natürlich den Aufnahmestandort zwischen den beiden Einstellungen verändern.

Diese Regel gilt für alle bewegten Objekte. Sie gilt selbst für den Fall, dass eine Gruppe von Leuten auf einer Stelle steht und miteinander diskutiert, oder Leute, die an einer Kaffeetafel sitzen und miteinander sprechen, selbst für ein Baby auf einem Wickeltisch. Immer sind Köpfe, Arme, Hände und Beine in Bewegung, und immer gibt es einen Bildsprung, wenn zwei aufeinanderfolgende Einstellungen aus dem gleichen Blickwinkel gemacht werden. Das Allheilmittel für den Kameramann ist es, zwischen den Einstellungen mit ein paar wenigen Schritten seitwärts den Standort zu wechseln. Übrigens genügen vor dem Wickeltisch natürlich wenige Zentimeter nach der Seite, um den Winkel von 15 Grad zu realisieren.

Die zweite Methode für die Aufnahme bewegter Objekte
Die zweite Methode, bewegte Objekte aufzunehmen, ist die gleiche, wie wir sie bei der Aufnahme des oben erwähnten Musikstückes benutzt haben. Man nimmt mit durchlaufender Kamera unter Ausnutzung von Zooms und Schwenks eine längere Passage (z.B. 50 Sekunden ) auf, sorgt aber gleich anschließend dafür, dass man mit Inserts die Nachteile einer zu langen Szene verdeckt. Noch raffinierter agieren wir dann, wenn wir die Kamera durchlaufen lassen (um u.a. auch einen durchgehenden Ton zu erhalten) und uns gele-gentlich mit laufender Kamera zu einem neuen Standort bewegen, damit wir das Objekt auch unter anderem Blickwinkel erfassen. Unumgänglich ist es bei dieser Methode auf jeden Fall, gleich im Anschluss für genügend Zwischen- schnitte oder sog. Inserts zu sorgen, damit wir beim Schnitt wieder der Grundforderung genügen können: Alle 5 bis 7 Sekunden ein neues Bild.

Abschnitt 4

Zwischenschnitte
An dieser Stelle ein besonderes Wort zu den Zwischenschnitten. Die Zwischenschnitte sollten zu der Filmpassage, in die sie eingeschnitten werden, inhaltlich passen. Bleiben wir bei einer Gruppe miteinander sprechender Menschen auf dem Römerberg. Blumen sind als Zwischenschnitte sehr beliebt, aber zu unserer Gruppe von Diskutierenden und zum Römerberg würden Blümchen wenig Sinn ergeben. Viel eher wären z.B. Großaufnahmen der Füße, einer umgehängten Tasche, eines umgehängten Rucksackes, das Gesicht eines Zuhörenden, die gefalteten Hände, die verschränkten Arme eines Zuhörenden und dergleichen mehr geeignet. Und hier noch eine wichtige Erwägung zu der Anzahl der notwendigen Zwischenschnitte: Wenn wir davon ausgehen, dass unsere oben erwähnte, wegen des Tons durchgehende Aufnahme eines Musikstückes 3 Minuten lang sein wird, und wenn dieses Stück dann im fertigen Film auch in voller zeitlicher Länge zu sehen sein soll, dann müssen wir 3 x 60 Sekunden = 180 Sekunden später beim Schnitt in Einstellungen mit durchschnittlich jeweils 7 Sekunden aufteilen, wenn wir gut sein wollen. Das sind rund 26 Einstellungen. Für die Hälfte davon = 13 brauchen wir Zwischenschnitte. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass wir bei einem Musikstück die Einstellungen etwas länger stehen lassen können, dann brauchen wir immer noch etwa 10 passende Bilder. Erfahrungsgemäß stellen wir beim Schnitt dann fest, dass einige der aufgenommenen Zwischenschnitte nicht passen, wo sie eingefügt werden sollen. Deshalb ist es sehr von Vorteil, mehr als 10 Zwischenschnitte für unser Beispiel aufzunehmen. Einigen wir uns auf 15 Zwischenschnitte, die wir für dieses Beispiel brauchen. 15 Einstellungen sind nicht nur nebenbei gemacht. Da wir auch noch überlegen müssen, welche Bilder wozu am besten passen, ohne dass es Bildsprünge gibt, müssen wir für die Aufnahme der Zwischenschnitte mehr Zeit einkalkulieren als für die Hauptaufnahme selbst. Besonders wichtig ist also die Feststellung, dass wir mit nur 3 oder 4 Zusatzaufnahmen zum Hauptmaterial nicht auskommen.

Häufiges Wechseln des Standorts
Welche Methode wir auch zur Aufnahme bewegter Objekte verwenden, es sind einige Dinge zu bedenken: Allen voran steht die Aufgabe, möglichst immer zwischen zwei Einstellungen den Standort zu wechseln, bzw. bei vorher getätigten Aufnahmen mit durch- laufender Kamera möglichst viel Zwischenschnitte zu sammeln. Und weil Bewegung im Film so besonders wichtig ist, kann es, wie unser Vorsitzender neulich einmal erklärt hat, vorrangiger sein, einem streunenden Hund mit der Kamera über längere Minuten zu folgen, als mit aller Akribie die letzten Feinheiten einer edlen Barockfassade abzulichten !

Den Standort zu wechseln, ist nicht nur zum Kaschieren von Bildsprüngen notwendig, es hat noch einen anderen, gewichtigen Vorteil. Das aufgenommene Objekt wirkt erheblich plastischer, wenn es aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt wird. Immer wieder ist es für den Zuschauer ein besonderer Leckerbissen, wenn er z.B. eine Szene im Schuss und Gegenschuss zu sehen bekommt. Der Film wirkt filmischer, weil der Zuschauer einen regelrecht räumlichen Eindruck vom aufgenommenen Objekt bekommt.

Abschnitt 5

Was ist sonst noch zu beachten?

a) Aufnahmen aus der Hand?
Übrigens ist es meist sehr vorteilhaft, wenn mit einem Stativ gearbeitet wird. Das Stativ beruhigt die Aufnahmen ungemein. Ich will niemandem die Arbeit mit dem Stativ ausreden, aber ... gerade für die Verfolgung bewegter Objekte, für das häufige Wechseln der Standorte, für das schnelle Erfassen und Einstellen auf wichtige Details, für die schnelle Reaktion auf Bewegungs- und Ortsveränderungen bewegter Objekte ist man ohne Stativ oft besser dran. Wer einen optischen Wackelausgleich an der Kamera hat, und seine ruhige Hand noch etwas geübt hat, sollte es immer wieder mal probieren, Aufnahmen von bewegten Objekten aus der Hand zu machen. Der Kameramann kann ohne Stativ schneller reagieren und bewegliche Motive schneller erfassen, die einer mit Stativ unter Umständen verpasst.

b) Schwenks und Zooms
Wenn wir davon sprechen, dass wir möglichst viel Bewegung aufnehmen sollten, so heißt das übrigens nicht, dass wir viel schwenken und zoomen sollen. Die Bewegung soll allein vom Objekt kommen. Schwenks und Zooms haben nur gelegentlich ihre Berechtigung, wenn von einem anfänglichen ersten Motiv ein besonderer Bild- und Sinnzusammenhang zu einem zweiten Motiv hergestellt werden soll. So etwas kommt höchstens bei 10 % aller Aufnahmen vor. Ansonsten haben Zooms und Schwenks den Nachteil, dass sie viel mehr Zeit brauchen als zwei aufeinander folgende Festeinstellungen, dass sie viel Unruhe in den Film bringen, dass sie viel zur Verwacklung von Szenen beitragen, und dass sie meist unmotiviert erscheinen. Eine Festeinstellung kann beim Schnitt erheblich vielseitiger eingesetzt werden. Erfahrene Filmer benutzen deshalb überwiegend Festeinstellungen. Häufige Zooms und Schwenks sind nicht sehr förderlich für den Film, aber bestens dazu geeignet, dass man den filmischen Anfänger sofort erkennt. Filmische Anfänger zeichnen sich nämlich geradezu dadurch aus, dass sie bei jeder Einstellung zu schwenken oder zu zoomen beginnen, und oft auch noch mitten in der Fahrt die Kamera abstellen.

c) Nahaufnahmen, das Salz in der Suppe.
Auch sehr wichtig ist es, dass der Filmer immer wieder sehr nah ran geht. Das kann auch aber soll nicht nur mit dem Zoom in Telestellung geschehen, sondern insbesondere mit der Kamera näher am Objekt. Die Anzahl der Betrachtungswinkel im Film und damit die Vielfalt erhöht sich. Im Gegensatz zu einer Aufnahme mit dem Teleobjektiv wirken die aus der Nähe erfassten Objekte viel plastischer, haben viel mehr Tiefe. Nahaufnahmen sind ohnehin wie das Salz in der Suppe. Wie wir im Rahmen unserer Big-Brother-Aktion an den Profiaufnahmen aus dem Fernsehen gesehen haben, wurde für eine Episode meist eine einzige Übersichtsaufnahme (Totale oder HN-Aufnahme) gemacht, und dann folgten nur noch Nahaufnahmen. Das ging so weit, dass sogar von Flugzeugen im Flug immer nur Nahaufnahmen zu sehen waren. Es ist also nicht nur wünschenswert sondern bei den Profis Gang und Gäbe, dass auf eine Übersichtsaufnahme Dutzende von Nahaufnahmen folgen. Jeder, der einen Film zu sehen bekommt, freut sich besonders, wenn er durch die Nahaufnahmen aus kurzer Entfernung mehr Details zu sehen bekommt. Was spricht also dagegen, wenn wir von einem Brunnen eine Totale, eine Halbnahaufnahme und 7 Nahaufnahmen machen? Der Zuschauer freut sich und selbst der Kameramann hat den Vorteil, dass ihm später für den Schnitt viel mehr und vielseitige Einstellungen zur Verfügung stehen: Jeder Türknopf, jeder Wasserhahn, jeder Kopf, jede Hand einer Steinskulptur kann ein neues Motiv sein.

d) Abwechslung bei den Hauptmotiven
Film ist Abwechslung, Film braucht Abwechslung. Jedoch muss nicht nur alle 5 bis 7 Sekunden ein neues Bild erscheinen. Wir müssen auch für möglichst viel Abwechslung bei den Hauptmotiven für die Bildfolgen sorgen. Auf dem Römerberg hat das zum Beispiel für uns Filmer die Konsequenz, dass wir uns davor hüten müssen, zu allen 27 Häusern, die um den Platz herum stehen, je eine Bildfolge zu machen. Viel sinnvoller ist es, möglichst unterschiedliche Hauptmotive aneinander zu reihen. Ein Haus, eine Kirche, eine Gruppe von Tauben, ein Brunnen, filmende Filmerkollegen, vorbeifahrende Straßenbahnen, eine Gruppe japanischerer Touristen, ein Spielzeugladen, eine Bronzeskulptur, die Filmer beim Umtrunk im Restaurant mit jeweils einer Bildfolge, das wäre z.B. eine bunte Mischung und brächte einige Abwechslung in all die spontan aufgenommenen Szenen. Und wenn derartige Gedanken bereits vor dem Aufnahmeabend gedacht werden, dann ist der Filmer vor Ort besser in der Lage, die richtigen Objekte für seine Bildfolgen zu wählen.

Fazit
Das läuft letztlich alles darauf hinaus, dass ein Filmer eigentlich nur dann ein guter Filmer ist, wenn er durch vielseitige Motive für viel Abwechslung sorgt, oft den Standort wechselt, möglichst nah ran geht und sehr alert ist, was er als bewegtes Objekt vorrangig und als Zwischenschnitt anschließend noch alles aufnehmen kann. Je mehr Zwischenschnitte er aufzeichnet, desto problemloser kann er beim Schnitt alles aneinanderfügen. Gute Filmer, liebe Clubkameraden, die erkennt man allein schon daran, dass sie ständig in Bewegung sind, dass sie jede Bewegung weit und breit sofort registrieren, und dass sie versuchen, möglichst viel davon in ihren Kasten zu bekommen. Gute Filmer sind es allerdings doch nur, wenn sie bei all dem auch die Bildgestaltung beherrschen. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.