Film- und Videoclub Rüsselsheim e.V.

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DIE GOLDENEN REGELN DER AUFNAHMETECHNIK
 

16. DER   FILM  IST  LEBEN

Ein Gegensatz zur Fotografie, die eine erstarrte Pose darstellt - wodurch sie keineswegs degradiert werden soll -, ist der Film festgehaltene Beweglichkeit. Die Beweglichkeit des Daseins zu erfassen, ist unsere Hauptaufgabe, und was wir auch tun, welche Pläne wir auch haben und welche Vorsätze uns bewegen, stets müssen wir uns mit dem Leben auseinandersetzen.

Da wir nun aber jeweils ein bestimmtes Thema schildern wollen, müssen die Bewegungen unserer Darsteller einen logischen Sinn haben, es sei denn, dass wir die Infusorien in einem Wassertropfen aufnehmen, und dieser Sinn muss dem Zuschauer auch verständlich sein. Das heißt also, wir müssen zu geordneten Bewegungsphasen kommen und dürfen unsere Darsteller keineswegs durcheinanderlaufen lassen.

Und hier haben wir schon zwei Arten von Bewegungen zu unterscheiden, die fortläufige und die gegenläufige. Im Film kann es beide geben, aber wir müssen uns vor Augen halten, dass sie beide etwas Grundverschiedenes aussagen.

Nehmen wir zuerst die fortlaufende Bewegung, das heißt eine Bewegung, die in eine Richtung geht. Ein Auto fährt eine Chaussee entlang, aber alle Bewegungen gehen deutlich nach einer Richtung, wenngleich in den unterschiedlichsten Einstellungen.

Ein Beispiel:

1. Auto (von links nach rechts) durch die Baumreihen hindurch aufgenommen.
2. Über den Mann am Steuer auf die (zueilende) Straße.
3. Zwei Mitfahrende im Fond des Wagens (die Landschaft draußen bewegt sich von links nach rechts).
4. Von einer Brücke auf die darunter entlangführende Autobahn. Das Auto fährt schräg von links nach rechts ins Bild hinein.

usw.

Hier ist also die Fahrtrichtung sehr deutlich zu erkennen, wenn man auch nicht weiß, wohin sie führt, so ahnt man doch, dass die Leute ein Ziel haben. Eine fortlaufende Bewegung - dies ist unsere Erkenntnis aus diesem Beispiel - deutet immer auf ein einziges bestimmtes Ziel, ganz gleich, ob es sich nun um ein Auto, eine Eisenbahnfahrt, einen Spaziergang oder eine Ruderpartie handelt.

Der Film ist Leben:
Diesen Merkspruch sollten wir immer beherzigen; denn damit steht und fällt unser Erfolg als Filmer.

Leben bedeutet nun aber nicht etwa nur die Beweglichkeit von Mensch und Tier. Auch die Natur ist lebendig, wie in unserem Beispiel die Springbrunnen.

Sogar die völlig leblose Materie, wie Steine, können wir mit Hilfe der Kamera zum Leben erwecken. Wir helfen uns dabei mit Filmtricks und mit den technischen Einrichtungen unserer Kamera.

Es gibt also viele Möglichkeiten, Lebendiges und Bewegliches im Film darzustellen. Welchen Weg wir wählen ist unerheblich; maßgebend ist nur der Erfolg; denn danach beurteilt der Zuschauer unser Werk.


Ganz anders ist es bei der gegenläufigen Bewegung, also bei Aufnahmen, bei denen die Richtung der Fußgänger und Fahrzeuge ständig wechselt.

Abermals ein Beispiel (Szene ist die Königsallee in Düsseldorf):

1. Einige Frauen schlendern vor den Läden entlang. Zwei kommen von links, eine kommt von rechts. Vor einem Laden bleiben zwei stehen, die andere geht weiter.
2. Auf dem Fahrdamm fährt ein eleganter Wagen vorüber (von links nach rechts).
3. Ein zweiter Wagen - mit verkanteter Kamera aufgenommen - fährt in umgekehrter Richtung.
4. An der Hauswand steht ein Bettler. Passanten gehen in beiden Richtungen an ihm vorüber.
5. Ein Radfahrer fährt ins Bild hinein, ein anderer kommt aus dem Bild heraus.
  usw.

Wir ahnen schon, was mit dieser Szenenfolge bezweckt ist. Sie soll keineswegs auf ein zu erreichendes Ziel hinführen. Der Begriff "Ziel" steht hier überhaupt nicht zur Diskussion. Wir wollen nichts anderes sagen, als dass die Königsallee eine sehr lebhafte Straße ist und einen turbulenten Verkehr hat.

Im Gegensatz zu der fortlaufenden Bewegung (Ziel) schildert die gegenläufige Bewegung einen Zustand. Sie führt also auch nicht weiter, sie verweilt, sie ist Milieuschilderung, nicht Handlungsantrieb.

Mit anderen Worten: Je nachdem wie wir unsere Kamera handhaben, können wir - oft mit denselben Szenen - etwas durchaus Verschiedenes erreichen.

Nun können wir beide Möglichkeiten auch miteinander verbinden und erzielen damit sofort wieder einen ganz anderen Eindruck. Beginnen wir mit der gegenläufigen Bewegung und gehen dann zur fortlaufenden über, so bringen wir damit zum Ausdruck, dass verschiedene Menschen (bei der fortlaufenden Bewegung handelt es sich ja nur um unsere Darsteller) einem bestimmten Ziel zustreben. Wir sagen also damit, dass man aus den verschiedensten Richtungen zusammengeströmt ist, um ein Ziel zu erreichen.

Komplex 1: Autos, Radfahrer, Fußgänger eilen in den verschiedensten Richtungen durcheinander.
Komplex 2: Diese münden schließlich in eine Bewegungsrichtung ein und landen
Komplex 3: vor einem Fußballplatz

Sobald diese Szene auftaucht, wissen wir: Aha, die wollen also alle zu einem Fußballspiel, und es muss ein wichtiges Spiel sein, weil die Leute aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen. Dass es sich überhaupt um einen Fußballfilm handeln wird, wissen wir ja vermutlich bereits aus dem Haupttitel, aber wenn wir den Film so geführt haben, brauchen wir nicht mehr in einem Titel zum Ausdruck zu bringen, dass das Spiel sehr gut besucht war, das zeigen schon die einzelnen Szenen.

Wir haben nun die drei Möglichkeiten, mit der Bewegungsrichtung zu operieren, kennen gelernt; wichtig ist, dass wir sie auch richtig anwenden, denn auch sie ist maßgebend an dem Erfolg unseres Films beteiligt, obwohl wir das vielleicht kaum geahnt haben. Viele Filme werden gerade darum so chaotisch und schwerverständlich, weil mit der Bewegungsrichtung von den Amateuren ganz willkürlich umgesprungen wird, und das stört den Zuschauer, selbst wenn er sich keine Klarheit über den Grund verschafft. Nun kann natürlich durch die Örtlichkeit bedingt sein, dass sich auch eine fortlaufende Bewegungsrichtung ändert. Nicht immer führt ein gerader Weg zum Ziel. Das schadet auch nichts, wenn wir aufmerksam arbeiten und die Änderung der Richtung in einer kurzen Einstellung zeigen. Im Gegenteil, das kann sogar sehr oft die Spannung erhöhen und kostet dabei doch nur sehr wenig Film.

Wir sprachen vorhin von dem Gegenschuss zur Erzielung einer gewissen Plastik. Bei fortlaufender Bewegung muss man aber mit seiner Anwendung sehr vorsichtig sein. Filmen wir nämlich einen Spaziergang unserer Familie - hier handelt es sich also bestimmt um eine fortlaufende Bewegungsrichtung - von der einen Straßenseite und gehen nun auf die andere, um den Gegenschuss zu machen, so kehren wir damit gleichzeitig die Bewegungsrichtung um (was vorher links war, wird jetzt rechts) und erzielen damit einen Eindruck, der von uns gar nicht beabsichtigt war.

Man glaube nun auch nicht etwa, dass man einen Spaziergang aus der Stadt in die grüne Umgebung in allen Phasen schildern muss. Es genügen einige wenige Andeutungen, und man soll sich nicht scheuen, den "Mut zu Handlungssprüngen", zu zeitlichen Raffungen aufzubringen. Damit haben wir bereits die Überschrift für ein weiteres Kapitel munter die Zügel schießen zu lassen.

Außerdem kann man sich in solchen Fällen, wo zeitliche Raffung angebracht ist, durch einen netten Regieeinfall helfen, etwa mit dem folgenden:


1. Groß: Ein Mann geht eine Straße entlang. Von einem vorher fahrenden Wagen so aufgenommen, dass nur der Kopf im Bild ist, während die Gegend an den Seiten langsam vorüberzieht. 4 sec
2. Totale: Schnelle Kameraschwenkung zur Seite. Das Bild zeigt jetzt ein großes Geschäftshaus. 4 sec
3. Groß: Schnelle Schwenkung zurück, wieder auf das Gesicht des Mannes. 4 sec
4. Totale: Schnelle Schwenkung zur Seite, das Bild zeigt ein großes Wohnhaus. 4 sec
5. Groß: Schnelle Schwenkung auf den Mann zurück. 3 sec
6.Totale: Schnelle Schwenkung zur Seite. Wir sehen eine Vorstadtvilla. 4 sec
7. Groß: Schnelle Schwenkung auf den Mann 4 sec
8. Totale: Schnelle Schwenkung zur Seite...
jetzt auf das flache Land.
4 sec

Da haben wir den ganzen Spaziergang in acht Einstellungen und ohne große Strapazen bei den Aufnahmen zum Ausdruck gebracht. Vielleicht ist es dem Leser aufgefallen, dass wir nicht immer wieder von dem Gesicht des Mannes reden, denn wir müssen ja nicht immer auf das Gesicht zurückschwenken.

Schwenken wir zuerst auf das Gesicht, das noch steif und förmlich ist, genauso wie der Hut, der über ihm thront, dann auf die Hand, in der jetzt der Hut baumelt, und schließlich auf die recht staubig gewordenen Schuhe, dann haben wir die Wanderung nicht nur als Fußmarsch, sondern auch - nun sagen wir etwas großspurig - als seelisches Erlebnis zum Ausdruck gebracht.

Um übrigens einem Einwand vorzubeugen: Unsere Schwenkungen haben natürlich nichts mit einem Panorama und der Unruhe der Kamera gemein. In diesem besonderen Falle, wohl- gemerkt! Hier sind sie ja ein Mittel, um etwas Bestimmtes zum Ausdruck zu bringen, also keine Unruhe der Kamera, sie gehen sehr rasch (so schnell man nur irgend die Kamera herumreißen kann, ohne im Eifer des Gefechts übers Ziel hinauszuschießen) und sind mithin alles andere, nur kein Panorama.

Da wir nun schon einmal davon reden: Man kann natürlich auch einmal eine sehr bewegte Kamera bewusst anwenden. Etwa indem man - durch Kippelbewegung während der Aufnahme - die Häuser wanken lässt, um den etwas strapaziösen Heimweg eines Angesäuselten darzustellen.

Mit anderen Worten: Man kann auch mal sündigen, wenn es sinnvoll und mit Überlegung geschieht. .. aber das ist wohl eine Entschuldigung, die alle Abgerutschten anzuwenden pflegen, wir wollen daher lieber machen, dass wir zum nächsten Kapitel weiterkommen.

Zuvor nur noch eine ganz kleine Einfügung, für den Fall, dass Sie sich doch an den Schwenkbewegungen "gestoßen" haben sollten:

Man kann die Szenenfolge des Mannes, der aus der City ins flache Land wandert, sehr eindrucksvoll auch ganz anders darstellen. Die meisten Kameras haben im Sucher ein Kreuz, damit man einen Anhaltspunkt hat, um ein Verkanten der Kamera und somit stürzende Linien zu vermeiden. Wir drehen unsere vorhin im Drehbuch erwähnten Szenen nun so, dass der gehende Mann sich jeweils genau auf dem Kreuz der Sucherlinien befindet. Er darf nicht zu groß aufgenommen werden; denn wir wollen ja auch noch die Wandlung der Szenerie im Hintergrund zeigen. Damit uns der Mann nicht aus der Suchermitte entschwebt, müssen wir die Kamera im Tempo seines Gehens mitwandern lassen. Auch hier drehen wir nun eine Szene in der City, eine im Wohnviertel usw.     Kleben wir die einzelnen Szenen später aneinander, schreitet der Mann kontinuierlich fort, nur die Gegend hinter ihm verändert sich dauernd.